Die sagenhaften Langobarden

 

Paulus Diaconus, (um 720 bis um 800) war langobardischer Herkunft und lebte als Mönch (Diakon) und Gelehrter zeitweise am Hofe Karls des Großen. Am Ende des 8. Jh. schrieb er in der „Historia Langobardorum“ die Geschichte seines Volkes, der Langobarden, nieder. Zu Beginn seiner Berichte erzählte er den Mythos des Namenswechsels von den „Winnilern“ zu den „Langobarden“. Er übernahm diesen fast wörtlich aus der kurzen Niederschrift „Origo Gentis Langbardorum“, die wohl aus dem 7. Jh. stammt und nur in drei sich etwas unterscheidenden Handschriften erhalten ist. Paulus Texte enden mit dem Jahr 744 unvollendet, wahrscheinlich verstarb er während der Niederschrift der Langobardengeschichte. Darin bleibt die Frühzeit der Langobarden bis etwa 488/ 489 n. Chr. in ein sagenhaftes Dunkel gehüllt. Vielleicht haben sich die Verfasser der „Gentis“, in der Folge dann auch Paulus, bei den Beschreibungen dieser Zeit an den älteren gotischen Wandersagen orientiert, die 551 n. Chr. durch den gotisch- byzantinschen Geschichtsschreiber Jordanes niedergeschrieben worden waren. Möglicherweise wollte man für die Langobarden einen ähnlichen Mythos schaffen. Jordanes konnte sich bei seiner Gotengeschichte „Getica- de origine actibusque getarum“, bzw. „Romana et Getica“ auf den am Hofe Theoderichs des Großen lebenden Cassiodor beziehen, der um 530 in dessen Auftrag „Zwölf Bücher gotischer Geschichten“ herausgegeben hatte. Dieses Werk ist allerdings komplett verloren gegangen und durch Jordanes, möglicherweise auch etwas manipuliert, nur in Auszügen erhalten geblieben.
Keine der während ihrer Wanderungen von den Langobarden passierten Gegenden, mit Ausnahme von „Skandinavia“, lässt sich bisher überzeugend benennen. Es gibt zudem einen nicht unwichtigen Unterschied zwischen der „Gentis“ und der „Historia“ des Paulus, der den Beginn der Wanderungen betrifft. In der „Gentis“ ist ihr Ausgangspunkt die Insel Skadan. Bereits hier kommt es zum Konflikt mit den Vandalen und obwohl dieser für die Langobarden siegreich endete, brechen sie danach nach Mauringa auf. Die zweite Station des Paulus, Skoringa, kommt hier gar nicht vor. Trotz aller Unzulänglichkeiten wird reichlich spekuliert, wo die im Einzelnen genannten Gebiete zu finden wären. Für Jörg Jarnut scheint der Wanderweg festzustehen: „Skandinavia“ ist Schonen in Südschweden, „Skoringa“ danach Rügen, „Mauringa“ wäre in Westmecklenburg zu suchen und schließlich ist „Golaida“ mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ die Lüneburger Heide. Zu dieser Überzeugung trägt bei, dass ein Heidegebiet südlich von Hamburg seit dem Ende des 8. Jh. bis ins 13. Jh. n. Chr. als „Bardengau“ bezeichnet wurde. Dass diese Bezeichnung tatsächlich auf die Langobarden zurückzuführen ist, ist aber ebenfalls nicht beweisbar bzw. sogar umstritten. Nach dem Aufenthalt in Golaida zogen die Langobarden weiter nach Anthaib, von dort nach Banthaib bis nach Burgundaib.

Der Ausgangspunkt der Wanderung, „Skadan“ evtl. „Skandinavia“, spiegelt möglicherweise nur die römische Denkweise wieder, dass alle Germanen aus dem unbekannten Norden, aus Skandinavien, stammen. Paulus: „Daher kommt es, dass so große Völkermassen im Norden geboren werden, und nicht zu Unrecht wird jener ganze Landstrich (!) (...) mit dem allgemeinen Namen Germania bezeichnet,(...).“ Vielleicht wurde der vermeintliche Ausgangspunkt des Langobardenzuges auch nur dem Ursprung der gotischen Wanderungen, nämlich ebenfalls „Skandinavia“, angepasst. Was demzufolge keinesfalls tatsächliches Wissen darstellt. Diaconus berichtet viel Sagenhaftes über die Wanderungen seines Volkes, die zu Beginn noch Winniler (je nach Übersetzung: Kämpfer, Kampfgefährten, Verbündete oder Gewinner = Sieger,...) heißen und aus Not die Insel „Skandinavia“, ihre Heimat, verlassen mussten. Nachdem das Los geworfen war, das darüber entschied, wer wegziehen und wer bleiben musste, wählten sich die Auswanderer die Brüder Ibor und Ajo als ihre Herzöge. Sie kamen in das Land „Skoringa“ und blieben einige Jahre dort. In dieser Zeit kam es zu einem Konflikt zwischen den Vandalen und Winnilern, der in einer langobardischen Stammessage erzählt wird. Darin wird den Winnilern durch Wodan der Name „Langobarden“ verliehen, nachdem er Freya verwundert gefragt hatte, wer denn diese seltsamen Langbärte wären, die sich auf dem Schlachtfeld versammelt hätten. Unter die relativ wenigen langbärtigen Krieger hatten sich nämlich deren Frauen gemischt, die sich nach Freyas Rat ihre langen Haare als „Vollbärte“ vor die Gesichter gebunden hatten. Einer Abmachung zu Folge, musste Wodan den Kriegern den Sieg verleihen, deren Namen er zuerst nennen würde. Freya „nagelte“ den obersten Kriegsgott nun daraufhin fest, die Winniler hatten einen neuen Namen und besiegten als Langobarden die Vandalen. Diaconus tat diese Sage als ein lächerliches Märchen ab. Er war der Meinung, dass die Bezeichnung „Langobarden“ von der Länge ihrer Bärte, an die nie ein Schermesser kam, stamme.

Wilfried Menghin hält den Stammesnamen „Langbärte“ für eine Fremdbezeichnung, die von den Winnilern für sich übernommen wurde und vermutet wie die meisten Autoren, dass dieser Namenswechsel in der Zeit um Christi Geburt vollzogen wurde. Der Stammesname Winniler taucht allerdings ansonsten in keiner mir bekannten Quelle auf.

Jarnut ist der Meinung, dass sich in dieser Sage ein Kultwechsel von der alten vanischen Fruchtbarkeitsreligion hin zu einer neuen kriegerischen, nämlich der asischen Religion, wiedergespiegelt. In der germanischen Mythologie ist die Göttin Freya eine Vanin, die zur Gemahlin des Asen Wodan (Odin) wird.

Irgendwann, nachdem die Vandalen besiegt waren, erlitten die Langobarden, noch in „Skoringa“, eine große Hungersnot, so dass sie zum Weiterziehen gezwungen waren und nach „Mauringa“ wollten. Die mächtigen Assipitter versuchten ihnen aber den Durchzug durch ihr Land zu verwähren. Durch eine Kriegslist und einem sich anschließenden Zweikampf, in dem ein ausgewählter langobardischer Sklave siegte und dadurch seine Freiheit erlangte, gelang es ihnen den Durchzug zu erzwingen. Um die Zahl ihrer Streiter zu erhöhen, entrissen die Langobarden in Mauringa viele Sklaven aus der Gefangenschaft und machten sie zu freien Langobarden. Von Mauringa aus zogen sie weiter nach „Golaida“. Mit Golaida versucht man manchmal auch die Gebiete der westlichen Altmark gleich zu setzen. Übersetzt soll der Begriff „Heide“ bedeuten. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass sowohl die „Lüneburger Heide“ als auch die altmärkischen Heidelandschaften erst durch den Raubbau des Mittelalters und der darauf folgenden Verödung der Landschaft entstand. Zu Zeiten der Langobarden befanden sich hier riesige sumpfige Niederungsgebiete und große nacheiszeitliche Seen mit darin eingeschlossenen besiedelten inselartigen Hochflächen. Häufig bezeichnete man früher aber auch die fremdartige Wildnis im Allgemeinen als Heide, d.h. dass demzufolge das gesamte unkultivierte Mitteleuropa für „Golaida - Heide“ in Frage käme.

Erst auf ihrem Weiterzug nach oder auch erst in Burgundaib starben die beiden bisherigen Herzöge und die Langobarden wählten sich nun einen König. Menghin nimmt an, dass das um 380 n. Chr. geschah. Ibor und Ajo müssen demnach entweder ein wahrhaft biblisches Alter erreicht haben oder aber die Aufenthaltszeiten an den einzelnen Stationen können immer nur recht kurz gewesen sein. Das widerspräche aber den Chronisten, die die Langobarden um Christi Geburt an der Niederelbe lokalisierten. Der erste König Agelmund war ein Sohn Ajos, herrschte 33 Jahre lang über die Langobarden und führte sie ins Land der Bulgaren oder Vulgaren. Dort wurden sie zu sorglos und bei einem nächtlichen Überfall wurden viele Krieger und der König getötet. Wer diese Bulgaren waren und wo sie lebten, ist bis heute ebenfalls nicht beantwortet. Sowohl Johannes Hoops als auch W. Menghin und J. Jarnut vermuten, dass damit die Hunnen gemeint wären und dass eine der Niederlage folgende siegreiche Schlacht gegen diese dann vielleicht um 425 stattgefunden habe. Aber auch das ist natürlich umstritten. In dieser blutigen Schlacht besiegte der Nachfolger Agelmunds König Lamissio die Bulgaren (Hunnen?). Nach vielen Jahren im eroberten Land zogen sie dann weiter ins Land der Rugier, die vorher durch den germanischen Herrscher Roms Odoaker besiegt und von dort vertrieben worden waren. Das geschah nach 488 oder 489. Auch hier ist eine genauere zeitliche Fixierung leider nicht möglich. Seit dieser Zeit ist der Stamm der Langobarden aber historisch fassbar und spielt ab nun auch eine Hauptrolle in der römisch- byzantinischen Geschichtsschreibung. Der Nebel des Sagenhaften scheint plötzlich wie vom Winde verweht.

 

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