Schriftliche Quellen

 

Zahlreiche Autoren haben sich mit dem Stamm der Langobarden befasst, denn obwohl sehr wenig über deren Frühzeit bekannt ist, handelt es sich doch um einen der germanischen Stämme, denen es gelang im frühen Mittelalter ein Königreich zu gründen. Das Langobardenreich in Norditalien ging zwar nach nur 200 Jahre unter aber die darauf zurückzuführende Landschaftsbezeichnung „Lombardei“ ist geblieben. Trotz mehrerer Veröffentlichungen und sogar Ausstellungen in jüngerer Zeit, gibt es eigentlich nichts grundsätzlich Neues über die Langobarden zu berichten. Trotzdem werden einige eigentlich bekannte Fakten heute anders bewertet als noch vor Kurzem und es gibt einige Gründe auch noch einmal einen kritischen Blick auf die wenigen bekannten Quellen zu werfen. Denn es ist schon etwas verwunderlich, dass trotz der ungenügenden Quellen, die sich mit einem Volk der Langobarden tatsächlich verbinden lassen, bisher viele Positionen als Fakten dargestellt werden, die einer kritischen Hinterfragung kaum standhalten. Im Anschluss soll daher der Versuch unternommen werden, die Quellenlage zu analysieren und darauf aufbauend die (bekannte) Geschichte des Stammes zu erzählen. 1


Bei nur wenigen griechischen bzw. römischen Historikern oder Geographen finden die Langobarden Erwähnung. Selbst die Lebensdaten dieser Autoren sind häufig nicht genau bekannt und werden derweilen verschieden angegeben. Einige der zitierten Textstellen sind nur in mittelalterlichen Abschriften erhalten, die Originalpassagen häufig nicht mehr vorhanden oder in unterschiedlicher Handschrift verfasst. Selbst die wenigen Nennungen der Langobarden sind teilweise widersprüchlich (Ptolemaios) oder so kurz und relativ zusammenhanglos eingestreut, dass sie für eine genaue Lokalisation, geschweige denn Beschreibung des Stammes nicht taugen. Man kann den frühen Langobarden somit bestenfalls die „allgemein bekannte Lebensweise“ germanischer Stämme unterstellen. Dazu kommt noch eine gehörige Portion Wildheit, die sie den Verfassern zufolge von den anderen Stämmen unterschied! Eine der vielzitierten „Quellen“, die letzte aus der römischen Kaiserzeit, ist im Grunde genommen überhaupt nicht brauchbar, denn der entsprechende Text des Cassius Dio ist im Original nicht mehr vorhanden.


Der aus Kleinasien stammende Geograph Strabon 2 (um 64 v.- nach 23 n. Chr.) berichtete wohl für das Jahr 8 v. Chr.: „Riesengroß ist also der Stamm der Sueben, reicht er doch vom Rhein bis zur Elbe, und ein Teil von ihnen siedelt auch jenseits der Elbe, so die Hermunduren und die Langobarden; jetzt sind diese jedenfalls sogar vollständig auf das gegenüberliegende Ufer flüchtend vertrieben.“ Daraus lässt sich folgern, dass Langobarden und Hermunduren dem Stammesverband der Sueben angehörten und zur Zeit der Berichterstattung komplett östlich der Elbe siedelten. Wenige Jahre später könnten die Langobarden dann aber westlich der Elbe gelebt haben, denn ein römischer Offizier Namens Velleius Paterculus (etwa 20 v. Chr.-?), der zwischen 10 und 12 n. Chr. als Legat an den Feldzügen des Tiberius teilnahm, berichtete, nachdem Tiberius auf seinem Weg vom Rhein zur Elbe die mächtigen Chauken unterworfen hatte: „Die Macht der Langobarden wurde gebrochen, eines Stammes, der noch wilder ist als die germanische Wildheit.“ Das geschah demnach noch vor dem Erreichen der Elbe. Man erfährt von Paterculus somit, dass die Langobarden zwischen 10 und 12 n. Chr., etwa 20 Jahre nach Strabon, wahrscheinlich westlich der Elbe lebten und dass sie noch wilder als die anderen Germanen waren.

Publius Cornelius Tacitus (um 55 – um 120 n. Chr.) erwähnte die Langobarden in der „Germania“ ebenfalls nur sehr kurz: „Dagegen den Langobarden verschafft ihre geringe Zahl Ansehen. Obwohl von vielen starken Stämmen umgeben, behaupten sie ihre Sicherheit nicht durch Unterwürfigkeit sondern durch wagemutige Kämpfe.“ Hier wiederum sind nur der Stolz und der Wagemut (die Wildheit) der Langobarden erwähnenswert. Aus den Aufzählungen der anderen Stämme lässt sich vermuten, dass Tacitus sie ebenfalls zu den Sueben rechnete und dass sie nicht ganz im Norden Germaniens wohnten. In den „Annalen“ berichtet Tatcitus für die Jahre 17 und 46 n. Chr. dann nochmals über die Langobarden: „Daher schritten nicht nur die Cherusker und deren Bundesgenossen, das alte Kriegsvolk des Arminius, zum Krieg sondern auch aus Marbods Königreich fielen suebische Stämme, die Semnonen und Langobarden, zu ihm (Arminius) ab.“ Weiter: „Spezifische Gründe steigerten noch den Eifer der durch solche Ansprachen erregten Heere, da von den Cheruskern und Langobarden für den alten Ruhm oder die neugewonnene Freiheit und von der Gegenseite (Mardbod) für die Ausdehnung der Herrschaft gestritten wurde (...) .“ Daraus folgert, dass sich die Langobarden im Jahr 17 n. Chr. von ihren alten Verbündeten, den Markomannen, abwandten und sich den Cheruskern unter Arminius anschlossen. In dem darauf folgenden Krieg wurden die Markomannen unter König Marbod besiegt und verloren an Einfluss. Im Jahr 46 waren die Langobarden noch immer mit den Cheruskern verbündet. Anscheinend war ihre Bedeutung inzwischen so groß, dass der von den Römern eingesetzte Cheruskerkönig Italicus, ein Neffe des inzwischen ermordeten Arminius, nur durch deren Hilfe im Amt gehalten werden konnte. D.h. der König der Cherusker waren demnach inzwischen von den Langobarden abhängig geworden. „(...) Mit Jubel stimmte die kampfeslustige Menge bei, und in einer für Barbaren großen Schlacht blieb der König Sieger. Dann verleitete ihn der Übermut, er wurde vertrieben und wiederum mit Hilfe der Langobarden eingesetzt. So brachte er im Glück wie im Unglück Verderben über die Cherusker.“

In der „Geographie“ des in Alexandria lebenden Griechen Klaudios Ptolemaios (ca. 85- 165 n. Chr.) aus dem 2. Jh. nach Christus findet man widersprüchliche Angaben über die Wohnsitze der Langobarden. Zu Beginn einer Aufzählung der germanischen Völker heißt es: „Das Gebiet Germaniens längs des Rheins, wenn man von Norden beginnt, bewohnen die kleinen Brukterer und die Sugambrer; unterhalb dieser die suebischen Langobarden, dann die Tenkterer und (...).“ Im Folgenden dann: „Von den innen im Binnenland wohnenden Stämmen sind die größten der der suebischen Angeln, die östlich von den Langobarden wohnen und sich nach Norden bis zum Mittellauf der Elbe erstrecken (...) .“ Weiter: „Folgende kleinere Stämme wohnen zwischen ihnen, (...); zwischen den großen Chauken und den Sueben die Angrivarier, dann die Langobarden, unterhalb diesen die Dulgumnier, (...) .“
Die bereits erwähnte letzte (angebliche) Nennung der Langobarden vor 488/ 489 durch Cassius Dio (um 162– 230 n.Chr.) lautet folgendermaßen: „6000 Langobarden und Obier hatten die Donau überschritten. Als aber die Reiterei unter Vindex ausrückte und die Fußtruppen unter Candidus sie einholten, wurden die Barbaren vollständig in die Flucht geschlagen.“ Wie bereits erwähnt, ist dieser Bericht im Original nicht erhalten. Es existieren nur mittelalterliche Abschriften byzantinischer Geschichtsschreiber! Genauso ist die Jahreszahl 166 oder 167 n. Chr. scheinbar später ergänzt worden. Und selbst wenn alle Angaben korrekt wiedergegeben wurden, sollte man bedenken das der Autor zur Zeit der Ereignisse noch ein Kind war und sie ebenfalls nur aus anderen Quellen oder vom Hörensagen kennen konnte. Trotzdem steht dieses Datum (!) bei der Mehrzahl der Historiker für den Beginn der Markomannenkriege des Marc Aurel, in welchen aber weder die Langobarden noch die Obier in der Folge in Erscheinung traten. Die Obier setzt man gemeinhin mit den Ubiern gleich, diese aber siedelten am Rhein, nicht an der Elbe, wie es für die Langobarden meist angenommen wird. Eine Ausnahme bildet hier allerdings die oben erwähnte erste Angabe des Ptolemaios, der in der Aufzählung germanischer Stämme wiederum aber keine Obier nennt, weder am Rhein noch an der Elbe!

Diese wenigen, zudem sehr kurzen und teilweise widersprüchlichen Erwähnungen werden zusammen mit der späteren „Origo Gentis Langbardorum“ sowie der darauf aufbauenden „Historia“ des Paulus Diaconus, so interpretiert, dass es seit dem Ende des 1. Jh. v. Chr. einen Stamm der Langobarden gegeben haben muss. Wie beweiskräftig diese Angaben sind, kann jeder selbst ermessen. Ein tatsächlicher Nachweis für einen Stamm der Langobarden in der Zeit um Christi Geburt lässt sich archäologisch bis heute nicht erbringen, denn die Hinterlassenschaften unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen benachbarter Bevölkerungsgruppen dieser Zeit. Eigene schriftliche Nachrichten gibt es nicht.
Relativ sicher scheint heute lediglich, dass es innerhalb des elbgermanischen Stammesverbandes der Sueben „Langobarden - Langbärte“ gab, die um Christi Geburt wohl in der Nähe der (Nieder)Elbe wohnten. Es handelte sich demnach um ein relativ kleines aber kriegerisches Volk, das anfänglich mit den Markomannen, später mit den Cheruskern verbündet war und zwischen (eventuell) 8 v. Chr. bis 46 n. Chr. (166/ 167?) nur wenige Male genannt wird.

Exkurs:

Tacitus berichtet in der „Germania“, dass es insbesondere bei den Chatten aber auch bei anderen germanischen Stämmen üblicher Brauch war, dass sich die jungen Männer erst dann Bart und Haupthaar scheren ließen, wenn sie im Kampf einen Feind erschlagen hatten. Langes Haar und Bart verpflichteten sie sozusagen zu besonderer Tapferkeit. Um bei den Feinden Schrecken zu erzeugen, behielten viele Krieger diese „Tracht“, ein anderes Kennzeichen war ein eiserner Ring, sogar bis ins hohe Alter bei. Eine weitere Besonderheit dieser Krieger war, dass sie sich am normalen Stammesleben überhaupt nicht beteiligten und sich sogar absonderten. „Feldarbeit war ihnen ein Gräuel“. Diese Langbärtigen bildeten sozusagen einen besonders kämpferischen eigenständigen Kriegerbund. Vielleicht lassen sich so die von besonderer Wildheit geprägten und kaum fassbaren langbärtigen Kriegerhorden der Frühzeit erklären.
Ein weiteres Phänomen dieser Zeit war das Gefolgschaftswesen, d.h. ein germanischer Adeliger scharrte um sich Krieger, die keinem bestimmten Stamm angehören mussten und nur auf den Anführer eingeschworen waren. Es handelte sich bei einer Gefolgschaft damit um eine Privatarmee, die kämpfte, raubte und mordete. Beute zu machen und den eigenen Ruhm und die Macht und das Ansehen des Gefolgschaftsführers zu stärken, war deren Hauptanliegen. Das frühe germanische Gefolgschaftswesen schließt feste Stammesstrukturen, in welche Stammeskrieger konsequenterweise eingebunden gewesen wären, eigentlich aus. Mit der Herausbildung der Großstämme während der Völkerwanderungszeit verlor dann scheinbar diese Art des Gefolgschaftswesens an Bedeutung und die Sippen (Fara?), die Stämme und deren Anführer, die Herzöge oder gar Stammeskönige wurden nun immer wichtiger.

 

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