Von der Altmark an die Donau

 

In der vorrömischen Eisenzeit (ca. 700 v. Chr. – um Christi Geburt) und auch noch zu Beginn des 1. Jh. n. Chr. war die Altmark relativ dicht besiedelt. Im Laufe des 1. Jh. dünnen die germanischen Siedlungsplätze westlich der Elbe aus. Östlich der Elbe, in Westmecklenburg und Brandenburg kommt es dagegen scheinbar zu einer Bevölkerungszunahme. Rosemarie Seyer äußert 1983 allerdings folgende Meinung: „Ein teilweiser Abbruch frühkaiserzeitlicher Gräberfelder und die Anlage neuer Bestattungsplätze am Ende des 2. Jh. bedeutet keinen Kontinuitätsabbruch, da die Siedlungen im allgemeinen weiterhin benutzt und die Grabplätze unweit der älteren angelegt wurden, (...). So fügt sich die Kultur dieses Gebietes (Berliner Raum) im 1./ 2. Jh. voll dem Elb – Havel - Gebiet ein und bildet seinen östlichen Ausläufer (...).“ Möglicherweise trifft das Gesagte auch auf die Altmark als benachbarte Region zu, nur der Forschungsstand lässt hier z. Z. noch keine absoluten Aussagen zu. Siedlungen dieser Zeit sind hier kaum erforscht bzw. schlecht publiziert.
Am Ende des 2. Jh. n. Chr. entstehen auch in der Altmark und im Wendland neue, in jedem Falle aber größere Friedhöfe, was möglicherweise auf eine größere Zuwanderung schließen lässt. Auch wenn eine Besiedlungszunahme zu verzeichnen ist, war die Altmark aber vorher nicht unbesiedelt. Sicher aus diesem Grunde gibt auch ernst zu nehmende Meinungen, dass es sich bei der Bevölkerungszunahme am Ende des 2. Jh. generell nur um das Anwachsen der bereits ansässigen Bevölkerung handelt. Mittlerweile konstatiert man für die gesamte vorrömische Eisenzeit bis in die Römische Kaiserzeit hinein eine große Siedlungskammer verwandter Bevölkerungsgruppen im gesamten Niederelbegebiet, d. h. von Schleswig-Holstein über Westmecklenburg, Nordwestbrandenburg und Ostniedersachsen bis in die Altmark hinein. Der Mecklenburger Landesmuseumsdirektor Horst Keiling stellte bereits 1969 fest, dass das gesamte Gebiet während der vorrömischen Eisenzeit dem „engeren Jastorf - Kreis“ angehörte. Einem Gespräch zufolge, das ich vor kurzem mit ihm führte, würde er heute die östliche Altmark diesem Gebiet nicht mehr zurechnen, die westliche Altmark aber in jedem Falle. Hier an der Niederelbe siedelten demnach über einen langen Zeitraum germanische Stämme mit einer recht einheitlichen Kultur, die man heute meist als „elbgermanisch“ bezeichnet. Wenn aus diesem einheitlichen eisenzeitlichen Kulturkreis auch die Langobarden hervorgegangen sind, dann können sie nicht plötzlich aus dem Norden eingewandert sein, wie es die Wandersagen suggerieren, sondern haben sich in diesem Territorium herausgebildet. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt auch Jaroslav Trejbal, der ebenfalls der Meinung ist, dass die Wurzeln der Langobarden im Bereich der unteren Elbe zu suchen sind.

Anhand der archäologischen Funde der gesamten Periode im Niederelbegebiet nach einzelnen, gegeneinander abgrenzbaren Stammesgebieten zu unterscheiden, ist nicht möglich, dazu sind sie zu ähnlich und meist nur anhand modischer Details unterscheidbar. Innerhalb des Gebietes aber auch daraus heraus kam es allerdings während des gesamten Zeitraumes zu Wanderbewegungen, die sich auch archäologisch nachweisen lassen. So könnten durchaus auch zu Beginn des 3. Jh. Zuwanderungen aus dem Südwesten, durch vor den Römern zurückweichende alemannische, suebische und sogar burgundische Stammesverbände erfolgt sein. Erst kürzlich wurde in der Nähe Northeims am Harz ein Schlachtfeld vom Beginn des 3. Jh. entdeckt, das man einem Rachefeldzug römischer Truppen zuschreibt. Sie waren beim Rückmarsch von den Verfolgungen alamannischer Kriegerverbände, die sich wohl in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete an der Elbe zurückgezogen hatten, von Germanen überfallen worden. Diese Schlacht um 239 n. Chr. endete übrigens für die Römer siegreich.
So wie es sukzessive wohl immer Zuwanderungen gab, so gab auch niemals eine komplette Abwanderung der Bevölkerung. Auch nicht, als sich im 4. Jh. ein großer Klimawandel vollzog, der die Hunnen aus Mittelasien vertrieb und damit zum Auslöser der sogenannten „Völkerwanderungszeit“ wurde. Hans– Ulrich Voß ist der Meinung, dass beim derzeitigen Forschungsstand davon ausgegangen werden kann, dass bereits seit dem 1. Jh. n. Chr. insbesondere die Gebiete nördlich der mittleren Donau ein bevorzugtes Ziel für Auswanderer aus dem Niederelbegebiet waren. Anhand vergleichbarer, zeitgleicher Funde entlang der Wanderwege lässt sich sogar bis ins 5. Jh. hinein nachvollziehen, dass sich immer wieder neue Gruppen auf den Weg gemacht hätten. Niemals war aber ein ganzes Volk gleichzeitig und nur in eine Richtung unterwegs. Einem Aufsatz Fabian Galls von 2008 zufolge, gab es noch während der gesamten Völkerwanderungs- und Merowingerzeit einen kulturellen Austausch, der sich auch an den archäologischen Funden festmachen lässt. Demnach gab es vom 1. bis zum 6./ 7. Jh. Verbindungen, die von der Niederelbe über Böhmen, Mähren, Niederösterreich und Ungarn bis nach Norditalien und zurück reichten.

Große elbgermanische Gruppierungen zogen somit mindestens seit dem 1. bis hinein ins 5./ 6. Jh. in mehreren Schüben nach Südosten aber auch in den Südwesten, denn auch große Teile der Alamannen, der Sueben sowieso, stammten aus dem Niederelbegebiet. Sicher werden sich auch viele „langobardische“ Krieger den Angeln und Sachsen angeschlossen haben, die nach England aufbrachen und ihre Ursprungsgebiete ebenfalls an der Niederelbe hatten.

Wahrscheinlich erreichte der Ruf an die Donau ins „Rugiland“ und nach Pannonien am Ende des 5. Jh. und auch noch zu Beginn des 6. Jh. die noch im Niederelbegebiet, damit auch die in der Altmark lebenden Verwandten, von denen sich in der Folge große Teile wiederum nach Süden auf den Weg machten.
Wann genau die elbgermanische Besiedlung der Altmark endete, steht auch auf Grund neuer Erkenntnisse nicht mit Sicherheit fest. Sowohl in Zethlingen, in der östlichen Altmark als auch in der Prignitz und in Böhmen wurden inzwischen vergleichbare Gefäße gefunden, die eindeutig ins 5. Jh. datiert werden können, also zeitgleich sind. Auch wenn eine beachtliche Verringerung der Bevölkerung im 4./ 5. Jh. zu konstatieren ist, so kam es doch niemals zu einem vollständigen Abzug der Bewohner. Wie groß die Zahl der trotz aller Verlockungen in der Heimat gebliebenen war, kann aber hier nicht beantwortet werden.

R. Seyer kam zu der Auffassung, dass es zwar auch in der Berliner Gegend einen Bevölkerungsrückgang gab, aber sie ist der Auffassung, dass auch dort bis ins 6. Jh. Funde nachweisbar sind, die sich voll in den Rahmen der brandenburgischen und mecklenburgischen Entwicklung einreihen. Voß konstatiert erst ab der Mitte und der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts einen deutlichen Besiedlungsrückgang für Südwestmecklenburg und die benachbarte Prignitz, inwieweit das alles auch für die westliche Altmark zutrifft, muss beim derzeitigen Forschungsstand allerdings noch offen bleiben. Inzwischen ist auch für Zethlingen der endgültige Beweis erbracht, dass in dieser Gegend mindestens noch im 5. Jh. Menschen lebten, die ihre Toten nach alter Tradition auf dem Mühlenberg beisetzten. Der „neue“ Brauch der Körperbestattung hatte sich scheinbar noch nicht bei Ihnen durchgesetzt.

Um 488 oder 489 n. Chr. hatte sich an der Donau eine große und schlagkräftige elbgermanische Bevölkerungsgruppe versammelt. Nun schien es möglicherfolgreich in das zerfallende römische Imperium einzudringen. Parallelen zu den Alamannen, die wie erwähnt zum großen Teil ebenfalls elbgermanischer Herkunft waren und sich seit dem 3. Jh. in Südwestdeutschland unter dieser Bezeichnung (alles (mögliche) Volk, Männer) zu formierten, drängen sich förmlich auf. Interessanterweise gelang es den Alamannen nie einen gemeinsamen König zu wählen. Die „zusammengewürfelten“ Stammeskrieger vermochten es bis zu ihrer Niederlage gegen die Franken im Jahre 496 nicht, sich auf einen Anführer zu einigen. Ein ähnliches Schicksal wollten die Langobarden nicht erleiden. Deshalb vermuten einige Wissenschaftler, dass der tradierte Stammesname „Langobarden“ neu aufgegriffen wurde, um den hier versammelten, zu allem entschlossenen Kriegern eine einigende Identität zu geben. Unter dem Angst und Schrecken verbreitenden Namen „Langobarden“ wäre demnach erst an der mittleren Donau oder kurz zuvor ein neuer und schlagkräftiger Stamm unter einem einigenden Königtum entstanden. Erst kürzlich äußerte sich Matthias Hardt aus Leipzig in einer Rezension des Kataloges „Die Langobarden“ folgendermaßen: „Die Wiener Schule der Frühmittelalterforschung um Herwig Wolfram und Walter Pohl hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich machen können, dass die „Völker“, die im Deutschen einer ganzen Epoche zwischen Antike und Mittelalter die Bezeichnung „Völkerwanderungszeit" einbrachten, wohl weniger stetig wandernde homogene Gruppen waren, sondern vielmehr als sich ständig wandelnde und neu erfundene Formationen zu erklären sind, die unter prestigeträchtigen alten Namen politisch- militärisch handelten und auf diese Weise zur Transformation der Römischen Welt beitrugen.“

Obwohl von Paulus bereits für die sagenhafte Frühzeit attestiert, waren somit vielleicht erst an der Donau oder kurz zuvor aus den Verbündeten verschiedener Stämme oder gar Völker, den Winnilern, das dem Kriegsgott Wodan geweihte mächtige (neue) Volk der Langobarden geworden?

 

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