Langobarden in der Altmark?

 

Noch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren in der Altmark möglicherweise Gerüchte oder Geschichten über einstmals hier siedelnde Langobarden im Umlauf oder aber der Prediger Christoph Entzelt kannte die antiken Autoren und interpretierte sie dementsprechend. Ansonsten kann man sich das Zitat aus seiner 1579 erschienenen „Chronik der Alten Mark“ nicht erklären: „Langobardi, die rechten Edlen Altmärckischen Schwaben, haben gewohnet von der Bisa (die Biese) oben an, und dem Biesenthal, das mitten durch die Alte Marck gehet, darinn die Bisa läufft, von der Cera (der Zehrengraben), (...) ,bis an und um die Jetza (die Jeetze), den freyen Tremeling (der Drömling), nach der Ora (die Ohre) und dem Lande zu Braunschweig, und Lüneburgischen Heiden, (...). Also grob übertragen, hätten die Langobarden in der Altmark zwischen der Biese und dem Zehrengraben im Osten, der Jeetze im Westen, Ohre und Drömling im Süden und Südwesten und möglicherweise den lüneburgisch– braunschweigischen Besitzungen im Westen und Norden gesiedelt.

Wenn auch vieles, was Entzelt schrieb (u. a. bezeichnete er die Langobarden (!) auch als Gründer von Salzwedel im Jahre 318 v. Chr.!) mit Vorsicht zu genießen ist, so ist es trotzdem bedenkenswert, dass man sich zu dieser Zeit noch an die Langobarden „erinnern" konnte, von denen „ein Teil zusammen mit etlichen Semnonen“ nach Pannonien aufgebrochen war. Vielleicht liefert Entzelt damit tatsächlich ein wichtiges Indiz für den Aufenthalt von Langobarden in der Altmark? Er nennt wie Ptolemaios die Angrivarier als benachbarten Stamm, den er östlich von Biese und Aland ansiedelt. Entzelts „Wissen" ist scheinbar irgendwann verloren gegangen oder wurde nicht mehr ernst genommen. Als Johann Friedrich Danneil, um 1820 erste Urnenfunde vom Zethlinger Mühlenberg meldete, war er fest davon überzeugt, dass es sich dabei um typisch wendische Totentöpfe handelte und somit hier um einen „Wendenfriedhof“. Nachdem der berühmte Anthropologe Rudolf Virchow einige Gräberfelder der Stendaler Gegend bereits 1887 den „Angeln oder Longobarden“ zuzuordnen versuchte, erkannte der Berliner Max Weigel 1894 in den Schalenurnengräberfeldern der Altmark ebenfalls „longobardische“ Hinterlassenschaften. Der Provinzial - Museumsdirektor Oscar Förtsch aus Halle/ Saale bezeichnete 1904 die Langobarden in der Altmark als Träger einer eigenständigen, wenn auch römisch beeinflussten, germanischen Kultur. Diese These legte in einem kurzen Aufsatz "Langobardische Gräber von dem Mühlberge bei Mechau, Kreis Osterburg" nieder. Der Mechauer Friedhof wurde wie der Zethlinger vor allem während der Römischen Kaiserzeit belegt. 1934 war es Freidank Kuchenbuch aus Stendal, der in seiner Dissertation die Langobarden zu den Trägern einer einheitlichen Kultur im altmärkischen und angrenzenden osthannöverschen Gebiet der spätrömischen Zeit machte. 1938 veröffentlichte Kuchenbuch eine überarbeitete und gekürzte Version der Dissertation: „Die altmärkisch – osthannöverschen Schalenurnenfelder der spätrömischen Zeit“ als Band 27 der Jahresschrift für Vorgeschichte in Halle.

Bis vor wenigen Jahren galten zumindest in der Altmark die Langobarden daraufhin als die alleinigen Bewohner der Gegend in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Seit den 1980er Jahren mehren sich Stimmen, die an dieser Verallgemeinerung zweifeln. Man hatte inzwischen erkannt, dass die Altmark in dieser Zeit nicht nur von einem einheitlichen Stamm besiedelt war. Die Langobarden könnten zwar in der westlichen Altmark während der Römischen Kaiserzeit und der vorrömischen Eisenzeit gesiedelt haben aber beweisen lässt sich das anhand der spärlichen Quellenlage nicht. Dass es den Stamm der Langobarden als in sich geschlossene Einheit, zu dieser Zeit bereits gegeben hat, kann sowieso in Zweifel gezogen werden. In fast allen populären neueren Veröffentlichungen über den Stamm der Langobarden wird die Altmark, als deren mögliches Siedlungsgebiet sogar völlig ignoriert. Man scheint aber keine Probleme damit zu haben, je nach Herkunft der Autoren, Westmecklenburg oder Nordostniedersachsen für ureigenstes langobardisches Siedlungsgebiet zu halten!
Allerdings tut man sich auch hier immer schwerer eine genaue Stammeszugehörigkeit anhand der Fund- und Quellenlage zu konstatieren. Die Altmark wird ausgelassen, obwohl die Funde dieser Periode in all diesen Gebieten sehr gut vergleichbar sind und bis ins 1. Jh. n. Chr. hinein der germanischen Jastorf - Kultur bzw. sogar dem „engeren Jastorf - Kreis“ (s. u.) zugeordnet werden können.

 

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